Tag 6 – Sackgassen

Auch in der Nacht schüttete es bis in die frühen Morgenstunden, doch das Zelt hielt tapfer durch – obwohl es sich zeitweise anfühlte, als würde sich über uns die Sintflut entladen.

Am Morgen dauerte dann alles etwas länger. Heute hatte ich ehrlich gesagt gar keine Lust, loszulaufen. Aber das Hotel in Kirishima wirkte doch motivierend genug. Also gut: nasse, feuchte Hose und T-Shirt wieder angezogen und losmarschiert.

Doch zuerst bestelltes Selfie 😉 und dann ein kurzes Innehalten – eine laute Sirene ertönte. Dieses Mal nur einmal. Ein schneller Check in der Sicherheits-App ergab nichts, also vermutlich einfach ein lokales Signal, nur deutlich lauter als die bisherigen.

Dann ging es los: Hügel hoch, wieder runter, wieder hoch, kurzer Stopp am Getränkeautomaten, der sogar warmen Kaffee rauslässt, wieder runter. Um 12:00 ertönte erneut die Sirene – eigentlich ein ganz guter Moment für eine Pause. Nüsse und Trockenfrüchte mussten reichen. Auf ein paar Betonblöcken machten wir kurz Halt und genossen die Ruhe des kleinen Dorfes. Eine Frau, die gerade etwas verbrannte, fiel uns auf. Als wir weitergehen wollten, winkte sie uns zu sich. Obwohl wir kaum Platz hatten, wollte sie uns unbedingt noch einen Grüntee mitgeben. Also: „Arigatō gozaimasu“ – und weiter.

Immer entlang der Straße, durch Nieselregen, dann wieder Sonne, sofort schwül. Egal – Schritt für Schritt. Die Wanderwege meiden wir inzwischen eher, da sie meist doch keine sind.

Ein kurzes Stück ging es an einer größeren Straße entlang, als plötzlich ein kleiner Truck anhielt. Der Fahrer winkte uns heran und zeigte uns einen Korb voller süßer Sachen. Wir durften uns etwas nehmen – es gab Melonbread. Während es Marco richtig schmeckte, war mir heute nicht nach süß. Trotzdem: zweimal Trail Magic an einem Tag – und das in Japan. Wie cool ist das bitte?

Weiter ging es, weg von der Straße, auf einen vermeintlichen Wanderweg. Dieses Mal waren wir optimistisch – es sah sogar so aus, als wäre kürzlich ein Traktor darüber gefahren. Genau entlang unserer GPS-Route… bis: Sackgasse. Wir standen plötzlich mitten in einem gerodeten Waldgebiet, keine Spur mehr von einem Weg. Kurz überlegten wir, querfeldein weiterzugehen, entschieden uns dann aber doch für die vernünftigere Variante: umdrehen.

Also wieder zurück auf die Straße, diesmal im Nebel – irgendwie mystisch. Meine Motivation war ehrlich gesagt ziemlich im Keller. Diese Sackgasse hatte mich mental mehr mitgenommen, als ich gedacht hätte. Dazu kamen die nassen Socken – meine Füße spürte ich inzwischen deutlich. Aber gut: durchbeißen kann ich.

Es ging dann steil bergab zurück Richtung Küste. Noch einmal versuchten wir unser Glück mit einem Wanderweg – und wieder: Sackgasse. Spätestens hier war klar: Unser Vertrauen in die „Wanderwege“ ist fürs Erste aufgebraucht. Beim Routenplanen werden wir uns künftig nicht mehr nur auf Apps wie Suunto oder Garmin verlassen, sondern genauer hinschauen, ob die Strecken tatsächlich über existierende Wege führen – oder einfach nur Linien auf der Karte sind. Vielleicht kommt das Vertrauen im Inland irgendwann wieder zurück… aber im Moment bleiben wir lieber auf sicheren, real existierenden Straßen.

Immerhin entdeckten wir dabei große Gefäße, vermutlich zur Sojasaucenproduktion – auch spannend.

Also wieder hoch, diesmal entlang einer stärker befahrenen Straße. Wirklich wohl war uns dabei nicht. Zwischendurch gab es mal ein Trottoir, aber meistens hieß es: hoffen, dass die Autos beim Vorbeifahren etwas Rücksicht nehmen.

Endlich am Rand von Kirishima angekommen, gönnten wir uns noch einen kurzen Stopp im Konbini und stärkten uns mit Onigiri. Unglaublich, wie gut die schmecken.

Dann ging es noch ein letztes Stück durch die langsam dunkler werdende Stadt. Trotz allem hatte es etwas Idyllisches.

Jetzt sind wir im Hotelzimmer. Ich liege hier, habe die Füße hochgelagert, schreibe diese Zeilen und sammle langsam wieder Energie – um alles aus dem Rucksack zu holen, aufzuhängen, unter die Dusche zu gehen… und vielleicht reicht es danach sogar noch für ein Abendessen.